Zwischen zwei Welten
Den lebendigen Christus erleben im Gefühl der Zeit
Christen leben in einer ungewöhnlichen Spannung. Einerseits erklärt Paulus: "Denn für mich ist Christus das Leben" (Philipper 1:21). Für ihn geht es im Leben nicht nur um Christus; das Leben ist Christus – Christi Wille, Christi Kraft, Christi Segnungen und Christi Verheißungen bestimmen seine ganze Existenz. Er lebt in Christus, wie ein Fisch im Wasser lebt. Dies ist seine Atmosphäre, seine belebende Kraft, das Umfeld, in dem er denkt, wählt, sich freut und leidet.
Andererseits erinnert Petrus die Gläubigen daran: "Beim Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag" (2 Petrus 3:8). In Gottes Gegenwart zerfällt die Zeit, dehnt sich aus und gehorcht Seinen Zwecken statt menschlichen Uhren. Petrus' Aussage ist keine Mathematik – es ist Perspektive. Gott wohnt in der Ewigkeit; Menschen wohnen in der Zeit. Und die beiden bewegen sich nicht mit derselben Geschwindigkeit.
Ein Christ lebt jedoch in beiden.
Das Ewige in uns: "Für mich ist das Leben Christus"
Wenn Paulus sagt "für mich ist Christus das Leben", spricht er nicht poetisch. Er meint, dass das Erkennen Christi und das Wohnen Seines Geistes den Gläubigen in das Gravitationsfeld der Ewigkeit zieht. Das innere Leben des Christen ist nicht mehr streng an den Auf- und Abstieg irdischer Zeiten gebunden.
Das Leben in Christus bietet:
- Ewige Bedeutung in zeitlichen Handlungen.
- Ewige Sicherheit in zeitlicher Gefahr.
- Ewige Freude in zeitlichem Leiden.
Durch den Glauben und die Gemeinschaft mit Christus berührt der Geist eines Gläubigen Wirklichkeiten, die nicht altern, verfallen oder erschöpft werden. In diesem Sinne atmet der Christ bereits die Luft der Ewigkeit. Schon jetzt lebt der Gläubige ein Leben, das aus der Auferstehung stammt, vom Geist geleitet wird und auf ein Reich gerichtet ist, das niemals endet.
Die Zeitliche Welt Um Uns: "Ein Tag ist wie tausend Jahre"
Doch während der Geist die Ewigkeit schmeckt, gehört der Körper noch der Zeit an – und die Zeit kann schwer empfunden werden.
Petrus' Ausdruck erfasst die menschliche Erfahrung des Wartens, Verlangens und Ausharrens. Ein einziger Tag des Leidens kann sich wie tausend Jahre anfühlen. Und umgekehrt entsprechen tausend Jahre menschlicher Geschichte nur einem einzigen Augenblick im ewigen Plan Gottes.
Für Christen erzeugt dies eine Art heilige Dissonanz:
- Wir wissen, dass Christus auferstanden ist – doch wir kämpfen weiterhin mit dem Verfall.
- Wir erfahren ewige Hoffnung – doch wir warten Tag für Tag auf die Erlösung.
- Wir sind Erben eines ewigen Reiches – doch wir müssen jede vergehende Stunde noch ertragen.
Manche Tage fühlen sich herrlich kurz an, weil Gott nahe ist. Andere fühlen sich endlos lang an, weil das Fleisch schwach ist, die Welt zerbrochen ist und die Last des Wartens auf dem Geist liegt.
Wo sich die beiden treffen: Das christliche Leben in Spannung
Ein Gläubiger lebt daher an der Schnittstelle von zwei Wahrheiten:
- Das Leben in Christus zieht uns hinauf in das Ewige.
- Das Leben im Leib zieht uns zurück in das Zeitliche.
Diese Spannung erklärt, warum Christen sich geistlich lebendig fühlen können, während sie körperlich erschöpft sind, zuversichtlich in der Hoffnung und doch müde im Warten. Es ist möglich, sich im Herrn zu freuen und zugleich im Fleisch zu seufzen – weil wir beide Welten zugleich bewohnen.
Warum das wichtig ist
Das Verständnis dieser doppelten Erfahrung hilft Christen, ihr geistliches Leben zu verstehen:
- Es erklärt, warum Anbetung sich anfühlt, als würde man außerhalb der Zeit treten.
- Es erklärt, warum Leiden sich so lang anfühlt, selbst wenn die Hoffnung nahe ist.
- Es erklärt, warum Christus sich zutiefst real anfühlen kann, während die Welt unerträglich schwer erscheint.
- Es erklärt, wie ein Christ zugleich Heimweh und Hoffnung im selben Moment haben kann.
Wir leben im Fleisch, aber nicht aus dem Fleisch.
Wir erleben Zeit, werden aber von der Ewigkeit geprägt.
Wir wandeln auf der Erde, gehören aber dem Himmel an.
"Für mich ist das Leben Christus" zieht uns vorwärts zum ewigen Leben; "ein Tag ist wie tausend Jahre" erinnert uns daran, dass wir noch auf seine Fülle warten.
Und so verbringen Christen ihre irdischen Tage als Bürger zweier Welten – einer vergänglichen und einer ewigen – sie leben Christus, während sie die Zeit fühlen, kosten die Ewigkeit und warten geduldig darauf, dass sie die Zeit für immer verschlingt.
Diskussionsfragen
- Wie prägt Paulus’ Aussage „Für mich ist das Leben Christus“ dein Verständnis vom täglichen christlichen Leben?
- Inwiefern hilft Petrus’ Sicht auf die Zeit („Ein Tag ist wie tausend Jahre“) dabei, die christliche Erfahrung des Wartens oder Leidens zu erklären?
- Wo spürst du am deutlichsten die Spannung zwischen dem Leben in der vergänglichen Welt und der Hinwendung zu ewigen Realitäten?
Quellen
- ChatGPT-Sitzung (12.11.2025) – Konzeptentwicklung und theologische Synthese
- Der Brief an die Philipper – Allgemeine neutestamentliche Wissenschaft
- Die Briefe des Petrus – Allgemeine neutestamentliche Wissenschaft


