Die Sünde vor der Sünde

Es gibt eine verbreitete Auffassung in einigen Kommentaren und Predigten, dass Eva eine kleine, aber bedeutende "Sünde vor der Sünde" beging, als sie die Frage der Schlange in 1 Mose 3 beantwortete. Als sie die Worte "oder es anzufassen" zu Gottes ursprünglichem Gebot hinzufügte, argumentieren manche, dass sie Sein Wort verfälschte, Seine Warnung übertrieb oder ein Herz offenbarte, das sich bereits von Gehorsam entfernte. Nach dieser Ansicht begann der Fall nicht mit Ungehorsam, sondern mit Ungenauigkeit.
So verlockend diese Idee auch sein mag, hält sie einer textlichen oder kontextuellen Prüfung nicht stand.
Zuerst müssen wir uns daran erinnern, dass Eva das Gebot nie direkt von Gott erhielt. Adam wurde zuerst geschaffen, erhielt die Anweisungen bezüglich des Baumes, und erst danach wurde Eva gebildet. Die Formulierung, die sie in ihrer Antwort an die Schlange verwendet, spiegelt daher wider, was Adam ihr gelehrt hat. Ob Adam den Satz "oder ihn anzufassen" als Schutzgrenze hinzufügte oder ob Eva das Gebot einfach allgemein wiederholte, weist der Text niemandem einen Fehler zu. Die Schrift berichtet ihre Worte ohne Kommentar, Tadel oder Korrektur. Mose stellt dies nicht als einen zu beachtenden Fehler dar, sondern einfach als Teil des Gesprächs.
Zweitens zeigt Evas Antwort keinen rebellischen Geist, sondern vielmehr den Wunsch zu gehorchen. Ihre Ergänzung, wenn sie denn tatsächlich eine Ergänzung ist, bewegt sich in Richtung Vorsicht und nicht Nachlässigkeit. Sie schafft Abstand zwischen ihr und der Versuchung, ähnlich wie ein Elternteil einem Kind nicht nur sagt, vor dem Abendessen keine Kekse zu essen, sondern nicht einmal das Glas anzufassen. Weit davon entfernt, einen Fehler in ihrem Herzen zu offenbaren, spiegelt ihre Wortwahl den ernsthaften Wunsch wider, genau das zu vermeiden, wozu die Schlange sie drängt.
Drittens liegt der erzählerische Schwerpunkt nicht auf Evas Genauigkeit, sondern auf der Täuschung durch die Schlange. Er beginnt damit, Gottes Gebot zu verfälschen, nicht Eva. Er stellt die Frage, übertreibt die Einschränkung, leugnet die Konsequenz und stellt schließlich den Ungehorsam als Weg zur Weisheit und Unabhängigkeit dar. Das theologische Gewicht liegt auf der Manipulation der Schlange, nicht auf Evas Formulierung. Der Fall beginnt, wenn das Wort Gottes infrage gestellt wird, nicht wenn Eva versucht, es zu wiederholen.
Der entscheidende Moment in der Erzählung ist nicht die Formulierung von Evas Antwort, sondern die Veränderung ihrer Perspektive. Der Text sagt, dass sie "sah, dass der Baum gut zur Speise war, und dass er eine Freude für die Augen war, und dass der Baum begehrenswert war, um weise zu machen." In diesem Moment ersetzt die Erzählung der Schlange die Gottes. Es geht nicht um verbale Ungenauigkeit, sondern um geistliche Umkehrung. Sie beurteilt den Baum nicht mehr nach Gottes Gebot, sondern nach ihrem eigenen Urteil, beeinflusst durch das Versprechen der Schlange. Ihr Verlangen, Ungehorsam zu vermeiden, wird subtil umgelenkt, bis der Ungehorsam begehrenswert erscheint.
Evas Absicht war es von Anfang an, treu zu bleiben. Ihre Antwort an die Schlange spiegelt diesen Wunsch wider. Sie wollte genau die Tat vermeiden, die den Tod bringen würde. Ihr Fall kam nicht durch eine falsche Wiedergabe von Gottes Wort, sondern dadurch, dass sie eine andere Stimme zuließ, die neu definierte, was gut sei. Die Tragödie im Garten Eden ist kein fehlerhaftes Erinnern, sondern ein getäuschtes Herz.
Warum das wichtig ist
Die Lektion für uns ist ebenso klar. Die Gefahr liegt nicht in den kleinen verbalen Grenzen, die wir schaffen, um Gott zu gehorchen, sondern in der subtilen Verschiebung, die geschieht, wenn Sein Wort nicht mehr das Maß der Wahrheit ist. Versuchung beginnt selten mit Trotz. Sie beginnt mit Ablenkung. Sie gewinnt an Stärke, wenn eine andere Erzählung vernünftig, attraktiv oder harmlos erscheint. Und sie siegt nur, wenn Gottes Gebot seinen zentralen Platz in unserem Denken verliert.
Die Sünde vor der Sünde ist daher nicht Evas Wortwahl, sondern die Verzerrung des Serpent. Es ist nicht ihr Versuch, den verbotenen Baum zu meiden, sondern der Moment, in dem die Argumentation des Serpent überzeugender wird als die des Herrn. Der Fall beginnt, wenn Gottes Stimme leiser wird und eine andere Stimme ihren Platz einnimmt.
- Warum denkst du, dass Evas Antwort den Ausdruck "oder es anzufassen" enthielt? Was könnte das über ihr Verständnis oder ihre Absicht offenbaren?
- Wie zeigt der Ansatz der Schlange die Gefahr, Gottes Gebote neu zu interpretieren oder abzuschwächen?
- Auf welche Weise können Gläubige heute verhindern, dass andere Stimmen das, was Gott klar gesagt hat, neu definieren?
- ChatGPT interaktive Zusammenarbeit mit Mike Mazzalongo, Dezember 2025.
- Gordon J. Wenham, 1 Mose 1-15, Word Biblical Commentary, Word Books, 1987.
- Johannes H. Walton, The NIV Application Commentary: 1 Mose, Zondervan, 2001.
- Derek Kidner, 1 Mose: An Introduction and Commentary, Tyndale Old Testament Commentaries, IVP, 1967.

